Der große Herbstzug der Kraniche ist jedes Jahr aufs Neue ein echtes Spektakel. So durfte er auch im Jahr 2018 nicht in meinem Terminkalender fehlen. Aufgrund meiner Nähe zum Storchendorf Linum und dem größten Rastplatz der Kraniche in Europa, hält sich der Aufwand für mich in Grenzen, dieses Ereignis jedes Jahr zu dokumentieren.

Wie in den Jahren zuvor waren auch dieses Mal wieder über 100.000 Kraniche in Linum. Mittlerweile haben die meisten Kraniche die nordöstlichen Rastplätze verlassen und befinden sich über Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen. Damit ist es nicht mehr weit bis zu ihren Überwinterungsgebieten in Südfrankreich und Spanien.

 

Kraniche auf dem Maisfeld

Mitte Oktober ist meistens die Hochphase des Kranichzugs in Norddeutschland. Darum habe ich schon frühzeitig eine Reise an den Darß geplant. Am Günzer See verbrachte ich einen Tag im NABU bereitgestellten Fotoversteck. Ich bezog noch vor Sonnenaufgang die Tarnhütte und wartete ca. eine Stunde bis die ersten Kraniche eintrafen. Ich habe sie nicht gezählt, aber über den ganzen Tag verteilt waren es sicherlich ca. 500 Kraniche, die auf den Grünflächen und den Stoppelfeldern ihren Hunger stillten.

 

Das nahrhafte Mais mögen die Kraniche besonders gern, da es Ihnen die nötige Energie gibt, die sie für den langen Zug in den Süden benötigen. Unsere vielen Mais-Monokulturen, die für die meisten Vogel- und Insektenarten eher Fluch als Segen sind, erfüllen also zumindest bei den Kranichen einen positiven Zweck.

Junge Kraniche haben im ersten Federkleid einen braunen Kopf und ein braunes Rückengefieder.

Je später der Tag wurde, desto mehr versammelten sich die Kraniche auf einem Maiseld direkt neben meinem Versteck. Kurz zuvor hatte es noch geregnet, aber die Wolken taten mir den Gefallen und verzogen sich genau im richtigen Moment. Das schöne Abendlicht verwandelte so das Maisfeld in eine traumhaft farbenfrohe Kulisse.

 

Mit zunehmender Anzahl von Kranichen war es gar nicht mehr so einfach, sich auf einen zu konzentrieren. Doch am Ende war ich mit den Resultaten sehr zufrieden. Der ein oder andere Kranich traute sich sogar ganz dicht an mein Versteck und ermöglichte mir damit tolle Nahaufnahmen, die ohne Tarnung nahezu unmöglich sind.

 

Es ist schon ein tolles Gefühl, diesen großen und majestätischen Vögeln so nah zu sein. In dem Moment merkt man endgültig, warum Kraniche auch als „Vögel des Glücks“ bezeichnet werden. Kaum ein Tier löst derartige Emotionen bei uns Menschen aus.

 

 

Der soziale Wandel der Kraniche

Je nach Jahreszeit legen Kraniche ein ganz unterschiedliches Sozialverhalten an den Tag. Die wenigen bei uns in Deutschland (vorwiegend in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern) brütenden Kraniche kennen wir als heimliche und scheue Vögel in unseren Wäldern und Mooren. In der Brutzeit dulden sie auch keine anderen Kraniche in ihrer Nähe.

 

In diesem Frühjahr konnte ich das Schlüpfen von zwei Kranichküken filmen. Ein unfassbar emotionaler Moment! Ich konnte dabei beobachten, wie vorsichtig und aufmerksam die Kranich-Eltern vorgingen. Das rundum mit hohem Schilf umgebene Nest war der ideale Ort zur Aufzucht der Kleinen. Hier konntendie Kraniche störungsfrei ihre Jungen aufziehen.

 

Zwei frisch geschlüpfte Kranichküken in Mecklenburg-Vorpommern

 

Doch das Versteckspiel endet im Laufe des Sommers. Vor allem in der Zugzeit verändert sich das soziale Verhalten der Kraniche und sie werden geselliger und sammeln sich in Schwärmen, bevor sie gemeinsam zur Reise antreten. Diese Gemeinschaft und das natürliche Verhalten der Vögel aus nächster Nähe zu erleben, ist für mich immer wieder etwas ganz Besonderes und wird auch niemals langweilig.

 

Allerdings hat mein Gehör die Kranichtage nicht ganz so gut verkraftet 😄 Das Trompeten war dermaßen eindringend, dass ich diesen Ton noch mehrere Tage im Ohr hatte und bei jedem ähnlichen Ton sofort dachte, es wären Kraniche in der Nähe. Aber es gibt Schlimmeres 😉

 

Ich freue mich auf das nächste Jahr und dieses immer wieder einzigartige Naturspektakel.

Euer Stephan

 

Die Kraniche ziehen in den Süden

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